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Weihnachten im neuen Kleid

In den letzten Monaten habe ich begonnen, Verantwortung neu zu betrachten. Dieser Text erzählt davon, was sich dadurch in mir und in meiner Familie verändert hat.

26 Jahre lang habe ich alle Familienfeste im Jahreskreis gestaltet und als Gastgeberin vorbereitet. Viel Herzblut ist hineingeflossen, um einen stimmigen Rahmen zu schaffen. Meine Ansprüche waren hoch und meine Enttäuschung danach oft ebenso.

Nicht, weil die Feste nicht gelungen wären, sondern weil es selbstverständlich geworden war, dass ich alles alleine trug und dabei regelmäßig über meine Grenzen ging.

Ein Klassiker nach solchen Festen war, dass ich völlig erschöpft dastand und mich fragte, ob sich das alles gelohnt hatte. Ob die Rechnung aufgegangen war.

Streit, Diskussionen, Unachtsamkeit, Gespräche ohne Tiefe und wenig Dankbarkeit begleiteten diese Momente.

Oft dachte ich, ich müsse etwas ändern, und ich versuchte es auch. Die Idee war, Verantwortung zu teilen und Aufgaben abzugeben. Es war ein ehrlicher Versuch. Doch die innere Erfüllung blieb aus, selbst dann, wenn ich Kleinigkeiten abgeben konnte.

Mein Weihnachten begann in diesem Jahr sehr früh, eine Woche vor dem eigentlichen Advent. Ich war müde, erschöpft und innerlich leer. Zu viele Aufgaben und die alte Gewohnheit, zu allem Ja zu sagen, hatten ihren Preis.

Ich war zutiefst traurig. Beim Blick auf meinen Lebensweg erkannte ich, dass ich mich selbst verloren hatte.

Zwar hatte ich mir viele Träume erfüllt, doch ich konnte sie nicht in der Qualität genießen, die ich mir gewünscht hätte. Müdigkeit war meine ständige Begleiterin, und wie ein Blatt im Wind wurde ich hin und her geweht.

Nachdem ich an meine Grenzen gekommen war, stand ich plötzlich allein da. Keine vertrauten Ratgeber, kein Trost von außen – nur ich selbst und die Entscheidung, diesen Weg zu gehen.

Ich weinte, bis keine Tränen mehr kamen. Nach und nach ließ ich Gedanken, Rollen und Erwartungen los, bis nur noch mein innerster Kern blieb und das Vertrauen in Gott.

In mir zeigte sich ein kleines, unschuldiges Kind. Dieses innere Bild kannte ich aus vielen Ausbildungen. Neu war, dass ich auch eine Mutter für dieses Kind entdeckte. Eine liebevolle, achtsame Mutter, die wirklich sieht, spürt und liebt.

Es war die Mutterliebe, die ich durch meine vier Kinder erfahren durfte, plötzlich auch mir selbst zugewandt.

Diese innere Mutter begann, mit mir zu sprechen. Sie erinnerte mich daran zu trinken, mich auszuruhen und zu fragen, was mir heute guttun würde. Alles, was ich über Fürsorge gelernt hatte, kam nun mir selbst zugute.

Mein inneres Mädchen liebt es zu zeichnen. Also sorgte diese innere Mutter für Farben, Papier und Raum. Jeden Morgen bereitete sie Tee, zündete eine Kerze an und bat Gott um Schutz und Begleitung.

Ich begann, täglich zu zeichnen und aufzuschreiben, was ich brauchte und wie ich mir selbst diesen Raum halten konnte.

Raum halten bedeutete auch, Grenzen zu setzen. Mein Umfeld reagierte irritiert. Manche erlebten es als Distanz oder Kälte. Doch ich wusste, dass es richtig war, auch wenn es noch nicht verstanden wurde.

Mir wurde klar, dass Liebe nicht fließen kann, wenn ich selbst leer bin. Geben kann ich erst dann, wenn ich in Verbindung mit mir bin.

So blieb ich konsequent. Ich ging in die Kirche, feierte Messen, führte ehrliche Gespräche und begann, vieles tiefer zu verstehen. Für meine Familie war es herausfordernd. Für mich war es Heilung.

Am 24. Dezember feierten wir Weihnachten in einer neuen Form. Still, einfach und ehrlich. Es war eine Herbergssuche im inneren Sinn, ein Fest der Innenschau, des Abschieds und des Neubeginns.

Am 25. Dezember, als meine Eltern bei uns waren, offenbarte sich für mich der Frieden, nach dem ich mich lange gesehnt hatte.

Ich konnte einfach ich sein. Tochter sein. Raum geben und Raum nehmen. Liebe fließen lassen und empfangen.

Besonders die Verbindung zu meinem Vater war spürbar. Es war Weihnachten in jener Qualität, von der ich lange geträumt hatte.

Es gab Geschichten, gemeinsames Essen, Musik, Lachen und Nähe. Meine jüngste Tochter bekam die Aufmerksamkeit, die ich mir für sie wünschte. Meine Mutter konnte ich annehmen, ohne sie tragen zu müssen.

Am Ende saßen wir beisammen, tranken Kaffee und Tee, und mein Vater lächelte entspannt. In einem stillen Moment sah ich, wie meine Mutter ihm zuhörte und ebenfalls lächelte.

Da wusste ich, dass alles gut ist. Weihnachten war angekommen.

Mein Dank gilt meinem Mann, der all die Jahre an meiner Seite war. Der gesehen hat, was ich selbst noch nicht sehen konnte, und der mich begleitet hat, das zu heilen, was gesehen werden wollte.

 


 
 
 

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