Wie aus einer „bösen“ Schwiegermutter eine gute wurde
- Melanie Hetterich

- 31. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Wenn ein Paar zusammenkommt, um eine eigene Familie zu gründen, verschmelzen zwei Familiensysteme zu einem neuen.
Alles, was aus den Herkunftsfamilien mitgegeben wurde, will neu sortiert werden.
Was war gut und möchten wir so weiterleben?
Was möchten wir auf keinen Fall übernehmen und bewusst anders machen?
So einfach diese Fragen klingen, so herausfordernd sind sie in der Realität.
Denn wir kennen zunächst nur das System, aus dem wir kommen. Dieses System ist uns vertraut. Es war der Rahmen, der uns geprägt hat. Dort haben wir gelernt, was richtig und falsch ist, was gewollt ist und was Sicherheit gibt.
Mein Mann und ich waren 18 und 20 Jahre alt, als wir geheiratet haben.
Unsere rosarote Brille war nur sehr kurz vorhanden. Im Gegensatz zu vielen anderen Paaren begann unsere Beziehungsarbeit sehr früh – begleitet von einer Schwiegermutter, mit der ich überhaupt nicht zurechtkam. Zusätzlich kamen wir aus unterschiedlichen Ländern, auch das spielte eine große Rolle.
Mit 18 trug ich nur mein eigenes Familiensystem im Gepäck.
Ich liebte meine Eltern sehr und ich liebte es, ihr Kind zu sein. Für mich war daher klar: Ich wollte vieles genauso machen wie sie. In meinen Augen war meine Seite die richtige.
Mein Mann ist ganz anders aufgewachsen. Auch er hatte gelernt, was in seinem System richtig und falsch ist. Doch sein Familiensystem war zu dem Zeitpunkt, als wir uns kennenlernten, stark geschwächt. Er war aus seiner Heimat entwurzelt worden, und auch seine Mutter war in einer sehr schwierigen Situation.
Die Folge war, dass ich mich in dem Gefühl bestärkt sah, meine Familie sei „die bessere“.
Mein Mann fand in meiner Familie die Stabilität und Beständigkeit, die er dringend brauchte.
Meine Schwiegermutter hingegen kämpfte um ihren Platz – auf eine schädliche Weise, weil sie es nicht besser wusste oder konnte.
Damals konnte ich das nicht erkennen.
Für mich war es ganz einfach: Wir waren richtig, sie war falsch.
Für meinen Mann war das eine extrem schwierige Zeit. Er stand lange zwischen zwei Stühlen. Schließlich stellte er sich klar hinter mich und stoppte viele Grenzüberschreitungen. Es kam zu einem Kontaktabbruch.
Als sie schließlich in ihre Heimat zurückzog, war ich sehr erleichtert.
Einige Zeit später begann ich, mich intensiv mit Familiensystemen auseinanderzusetzen. Ich betrieb Ahnenforschung, wollte meine Vorfahren verstehen, Dynamiken erkennen und Verstrickungen lösen.
Dabei wurde mir klar: Meine Schwiegermutter braucht einen Platz.
Nicht nur, weil sie dazugehört, sondern weil sie eine Kraft ist.
Ich verstand, dass Kinder, die ihre Eltern innerlich nicht annehmen können, oft auch Schwierigkeiten haben, sich selbst anzunehmen. Dass selbst das Gute dann kaum angenommen werden kann.
Und ich erkannte:
Wie hätte ich meinen Mann ganz annehmen können, wenn ich nicht bereit war, seiner Mutter Achtung zu schenken?
Kein Wunder also, dass in der Bibel steht, man solle Vater und Mutter ehren.
Ehren bedeutet nicht, mit allem einverstanden zu sein.
Ehren bedeutet, den Platz anzuerkennen.
Mit großer Überwindung streckte ich meine Hand aus und versuchte einen Neuanfang.
Wer nun glaubt, dass damit alles gut war, den muss ich enttäuschen.
Denn jetzt begann die eigentliche Beziehungsarbeit.
Unsere innere Skala reichte von: „Ich könnte dich auf den Mond schießen“ bis „Eigentlich ist sie ganz nett.“
Schließlich kam ein Punkt, an dem ich dachte, wir hätten das Gröbste hinter uns.
Ich besuchte sie mehrmals in Russland, lernte das Land und die Menschen lieben.
Ich verstand, wie wichtig es ist, die Heimat des eigenen Mannes kennenzulernen.
Wie heilsam Offenheit für Kultur und Traditionen sein kann.
Ich versuchte Russisch zu lernen, kochte russische Speisen, feierte Feste.
Das Familiensystem meines Mannes bekam wieder mehr Raum – und das war besonders für ihn sehr heilsam.
Doch trotz all dieser Schritte war noch keine wirkliche Balance erreicht.
Auch nach viel Arbeit kamen Krisen. Und es kam zu einem zweiten Bruch.
Der große Unterschied zum ersten war:
Sie war für mich kein Feind mehr.
Ich sah sie als eine Frau, die viel durchgemacht hatte und es nicht leicht hatte.
Mir war auch klar, dass sie vieles von meinem Lebensstil nicht nachvollziehen konnte – etwa Kinder ohne Schule und ohne Leistungsdruck.
Und wenn ich ehrlich bin:
Ich konnte das Familiensystem meines Mannes zwar besser annehmen, doch mein eigenes dominierte noch immer deutlich.
Mein Lernen ging weiter.
Ich lernte, mich besser abzugrenzen und innerlich stabil zu bleiben, auch wenn wir nicht einer Meinung waren.
Und tatsächlich gelang es uns, ein weiteres Mal einander die Hand zu reichen.
Diesmal fühlt es sich nach tiefer Versöhnung an.
Denn ich sehe heute glasklar, welche Geschichten und Muster hier gewirkt haben.
Ich bin weder mir böse noch ihr.
Wir wussten es nicht besser.
Wir sind im Dunkeln getappt – und jetzt ist Licht geworden.
Ich danke meiner Schwiegermutter sehr.
Durch sie habe ich gelernt, genauer hinzuschauen.
Ich habe gelernt, dass auch ich eine laute Stimme haben darf.
Und ich habe gelernt, dass nicht jedes Ende für die Ewigkeit ist.
Abbrüche sind oft notwendig,
damit ein neuer Anfang möglich wird.
Falls du Ähnliches erlebst,
möchte ich dir mitgeben,
dass nichts in Stein gemeißelt ist.
Manchmal braucht es einfach Zeit
und Reifung.
Und auch wenn gerade gar nichts möglich scheint,
könnte der aller kleinste Schritt sein:
Danke, dass du meinem Mann das Leben geschenkt hast. ❤️



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