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Wie sich die Welt wandelt – und der Umgang mit uns selbst

Es ist nur wenige Generationen her, dass Menschen Krieg und Hunger unmittelbar erlebt haben.

Einige von ihnen leben noch heute und können von diesen schrecklichen Zeiten berichten.

Damals war es kaum möglich, ins Fühlen zu gehen oder sich Zeit für Reflexion zu nehmen.

Es wäre zu schmerzhaft gewesen.

Abgesehen davon musste nach all der Zerstörung das Leben neu aufgebaut werden.

Entsprechend war auch die Erziehung.

Gefühle bekamen wenig Raum.

Babys ließ man schreien, Emotionen wurden beschwichtigt oder gar nicht benannt.

Fehlverhalten wurde teilweise körperlich bestraft.

Mein Vater erinnert sich noch gut daran, wie er auf Holzscheiteln knien musste oder die Hände ausstrecken sollte, um mit dem Rohrstab geschlagen zu werden.

Die Erwachsenen von damals hatten kaum Zeit für ihre Kinder, Betreuungseinrichtungen gab es nicht.

Viele Kinder waren sich selbst überlassen.

Darin lag oft auch eine gewisse Freiheit: sich mit anderen zusammenzuschließen, Erfahrungen zu sammeln und Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe viele abenteuerliche Geschichten gehört … von Schabernack, der niemandem schadete, der in unserer heutigen, stark kontrollierten Welt kaum mehr möglich wäre.

So wurde eine ganze Elterngeneration geprägt.

Sie wollten raus aus der Uniform, aus dem Spießigen.

Sie wollten nie wieder Krieg und sie wollten es mit ihren Kindern anders machen.

Ich bin meinen Eltern dankbar, weil ich weiß, dass sie sich immer um mich bemüht haben.

Sie haben aus ihren eigenen Erfahrungen das Beste herausgeholt und versucht, es an mich weiterzugeben.

Meine Eltern haben den Aufschwung erlebt…

eine Zeit, in der Fleiß belohnt wurde.

Ich staune oft, was meine Eltern und viele andere Menschen über 80 bis heute auf sich nehmen:

mit welcher Disziplin sie ihren Alltag meistern, wie viel Verantwortung sie tragen und wie schwer es ihnen fällt, Hilfe anzunehmen oder überhaupt anzuerkennen, dass ihr Körper schwächer wird.

Wenn es dann um Pflegegeld geht, wird es schwierig – weil es ihnen kaum möglich ist, sich mit ihrem tatsächlichen Zustand zu zeigen.

Aus dieser Zeit haben viele ein Leistungsthema geerbt und ein tiefes „Funktionieren-müssen“.

Meine Erfahrung ist, dass meine Eltern Liebe vor allem durch Versorgung ausgedrückt haben.

Sie haben mich rundum umsorgt – ganz nach dem Prinzip „Hotel Mama“.

Sie haben mir alles abgenommen, oft sogar mehr, als ich es aus anderen Familien kannte.

Ein Nein gab es kaum.

Dabei haben sie ihre eigenen Grenzen überschritten und manchmal auch meine.

Ich habe schon vor vielen Jahren gespürt, dass es zu viel ist. Dass es mich bremst.

Gleichzeitig habe ich ihre Art, Liebe zu geben, übernommen.

Auch ich habe viel geleistet und meine eigenen Grenzen kaum wahrgenommen.

Ich hatte jedoch einen Vorteil, den meine Eltern nicht hatten:

Ich durfte ganz und gar Kind sein.

Ich wurde nicht bewusst bestraft.

Und ich hatte Zeit…. viel Zeit zum Fühlen und zum Denken.

Schon früh habe ich über mich und die Welt nachgedacht.

Ich war bereits im Vorschulalter eine kleine Philosophin.

Meine Generation trägt zwar ebenfalls das Thema Leistung in sich, doch sie ist wählerischer geworden:

Was möchte ich leisten?

Was ist meine Berufung?

In der Erziehung bekamen Gefühle erstmals mehr Raum.

Selbsterfahrung und Reflexion gewannen an Bedeutung.

Erziehung wurde hinterfragt, und der Wunsch nach Beziehung wurde laut.

Eltern wurden plötzlich zu Freunden.

Das mag schön klingen – doch Kinder brauchen Eltern. Vielleicht schreibe ich dazu noch einen eigenen Text.

Bei jedem Übergang wird gelernt.

Durch Versuch und Irrtum.

Deshalb darf sich jede Generation auf die Schulter klopfen.

Es nützt nichts, mit dem Finger zu zeigen.

Es nützt nichts, Schuldige zu suchen oder sich selbst fertigzumachen, weil man im Nachhinein erkennt, dass nicht alles gut war.

Mein Gespür dazu:

Das, was war, lässt sich nicht ändern.

Wir können es nur akzeptieren, annehmen und damit Frieden schließen.

Nur so wird es möglich, all das Gute zu erkennen und wirklich in uns aufzunehmen –

und zugleich das zu verändern, was uns nicht gutgetan hat.

Vergiss nicht:

Wachstum braucht Licht und Schatten.

 
 
 

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